Buch «Flora»

Die ganze Welt der Pflanzen

Hansjörg Küsters Buch erfüllt ein lebendiges Bedürfnis: Profunde Wissensvermittlung zur Botanik, belangvoll und fliessend vorgetragen.

 Autor Hansjörg Küster
 Verlag C.H. Beck
 Umfang 223 Seiten
 ISBN 978-3-406-78323-4
 Preis Fr. 31.90 (UVP)

 

Er verspricht nicht zu viel, wenn er uns in seinem Untertitel „die ganze Welt der Pflanzen“ verspricht. Das Buch des Biologen und Professors für Pflanzenökologie Hansjörg Küster ist ein gewissenhaftes Lehrbuch der Botanik. Nur eben kein schulisches. Das heisst: Wenn uns Hansjörg Küster sachverständig in die weite Welt der Pflanzen einführt, so geht es ihm nicht zuvorderst um die starre Aufschlüsselung der botanischen Physiologie oder die isolierte Analyse pflanzlicher Stoffwechselprozesse. Obwohl er all diesen naturwissenschaftlichen Belangen weiten Raum gibt, beschreibt er sie im fliessenden Kontext und setzt die nüchternen Erkenntnisse in belangvollen Zusammenhang.

Wer sich davon nun hauptsächlich eine unterhaltsame Lektüre im landläufigen Sinne verspricht, wird wahrscheinlich enttäuscht. Hansjörg Küster bleibt in seiner umfangreichen Wissensvermittlung durchaus detailverliebt und akademisch präzise, und auch das botanisch-biologische Vokabular nutzt er im vollen Umfang. Was ihm dabei gleichwohl bestens gelingt, ist es, unsere Neugier über dem Detail nicht zu verlieren und uns den wertschätzenden Blick auf das übergeordnete Ganze zu erhalten. Oder ihn überhaupt erst zu schaffen: Ein wesentliches Anliegen ist ihm, uns die Pflanze – dieses von uns so verschiedene, willenlose Wesen – in ihrer fundamentalen Bedeutung für jedes irdische Leben kenntlich zu machen. Sein Bestehen auf der „Willenlosigkeit“ der Pflanze – verschiedentlich etwas über Gebühr akzentuiert – dient ihm dabei als Vehikel, uns von unserer Beurteilung des bewussten Leben als dem besonders wertvollen zu lösen. Fast beiläufig streut er da hinein noch kulturelle und wissenschaftsgeschichtliche Referenzen und immer wieder den ein oder anderen verblüffenden Fun Fact. Dass dies mit seinen präzisen Erläuterungen zur Zellbiologie und zum Blümchensex, zur Entwicklung der Pflanze vom Keim zur Blüte, zu Evolution und Koevolution so organisch zusammengeht, ist seine besondere Leistung.

Mit den Anliegen und Botschaften seines Buches ist es damit indessen noch nicht zu Ende. Während er im letzten Drittel seines Buches in die Themenfelder der Geobotanik und der Ökologie aufbricht, verfolgt er nicht zuletzt das Ziel, uns mittels der Akzeptanz des fortwährenden Wandels von Vegetation und Landschaft für deren nachhaltige Gestaltung in Zeiten des Klimawandels fit zu machen. Er geht da einen schmalen Grat entlang, denn schnell einmal entspriesst der Rede von der „ewigen Veränderung“ ein Argument des Fatalismus: Wenn sich sowieso alles wandelt, was soll uns der Klimawandel noch kratzen? Doch da er uns vordem die Bedeutung der Pflanze im gesamtökologischen Zusammenspiel so eindrücklich klar gemacht hat, gelingt ihm auch diese Sensibilisierung: Als eine die Klimakrise nicht bagatellisierende, sondern ihr zweckvoll antwortende.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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