Buch «Zukunft denken»

Buch «Zukunft denken»

Die nächsten 100, 1000 und 1 Milliarde Jahre

Um Zukunft zu gestalten, müssen wir sie uns vorstellen. Damit das auch noch möglichst urteilsfähig und enttäuschungsresistent gelingt, versorgt uns David Christian mit diesem Buch, in dem er die Lehren aus der Big History in unsere Zukunftserwartungen einschleust.

 Autor David Christian
 Verlag Aufbau
 Umfang 377 Seiten
 ISBN 978-3-351-03942-4
 Preis Fr. 37.70 (UVP)

 

Die Zukunft ist das unbekannte Land. Dennoch verbringen wir alle sehr viel Zeit darin: Wir planen sie, wir fürchten sie, wir spekulieren darüber. Das zu können, mag uns noch nicht von allen anderen Lebewesen unterscheiden, aber wir haben es doch zu ausserordentlicher Kunstfertigkeit darin gebracht. Doch wie tun wir das? Welche Vorstellungen und Erkenntnisse über die Natur der Zeit stehen dahinter? Und was lässt sich – trotz allem gesunden Misstrauen gegenüber Prophetinnen und Orakeln – dort im vorausliegenden Land vielleicht erspähen? Der Historiker David Christian nutzt in seinem mutigen und beeindruckend kurzweiligen neuen Buch die Mittel der von ihm begründeten Big History dazu, uns ein Bild davon zu konturieren.

Wer nun ahnt, dass der Autor dafür den breiten Pinsel zur Hand nimmt, darf sich zwei Punkte gutschreiben. Und sich dann gleich wieder einen Punkt abziehen: Die Big History löst zwar die Geschichtswissenschaft aus ihrem wohlüberlegten, lokal und zeitlich kleinteiligen Korsett, um im interdisziplinären Austausch (vor allem mit den Naturwissenschaften) eine universellere „Triangulation“ ihrer Entwicklungen und Trends zu erarbeiten. Doch sie erschliesst sich damit auch wieder einen neuen, facettenreichen Blick auf Details, Hintergründe und Vernetzungen, der nach seiner eigenen Präzision und Behutsamkeit verlangt. Dies führt uns David Christian ungemein gehaltvoll vor, während er in den ersten Abschnitten seines Buches im Zusammenspiel von Biologie und Evolution, Erd-, Kultur- und Ideengeschichte, Physik und Technik und Psychologie nach den Konzepten von Zeit, ihrer Wahrnehmung und Deutung fahndet. Da fliessen – bekömmlich aufbereitet – schon so viele Erkenntnisse und Denkanstösse zusammen, dass die Lektüre nur schon darum lohnt.

Im Wesentlichen geht es ihm jedoch – wie versprochen – um die Zukunft. Was wir von ihr ahnen, erwarten, vielleicht sogar überblicken können; worauf wir hoffen dürfen und was wir befürchten sollten: Das führt er jetzt vor dem gewonnenen Hintergrund zu kurz-, mittel- und langfristigen Prognosen unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit zusammen. Während die mittelfristigen Prognosen zu Zukünften bis zu 1000 Jahren vorwiegend die Raumfahrts-Begeisterten, die langfristigen ab einer Milliarde Jahren die von der Astrophysik Faszinierten befriedigen werden, interessierten uns besonders jene kurzfristigen über die nächsten hundert Jahre, die uns am persönlichsten betreffen. Die Feststellung, dass wir da angesichts Klimawandel, Artensterben, möglicherweise disruptiver Technik, politischer Verwerfungen und sich verstärkender wirtschaftlicher Ungleichheit gerade durch ein Nadelöhr gehen, teilt er mit den Wissenschaften insgesamt und muss uns nicht überraschen. Dennoch berechnet er das Szenario des endgültigen Kollapses als vergleichsweise unwahrscheinliche Entwicklung gegenüber jenen der Nachhaltigkeit oder des Downsizing. Als Voraussetzung aller verhalten optimistischeren Prognosen benennt er derweil ausdauernd die Notwendigkeit, im „planetaren Management“ global zusammenzuarbeiten.

Natürlich ist dem Historiker bei alledem bewusst, wie vermessen die Behauptung der Wahrsagerei immer war. Jeder Versuchung, sich zum Propheten aufzuspielen, schiebt er dementsprechend einen selbstironischen Riegel. Was er uns stattdessen hingebungsvoll erarbeitet, ist die Fähigkeit, die möglichen Zukünfte samt ihrer einhergehenden Ängste und Hoffnungen realistischer und zweckführender einzuschätzen und anzuzielen. David Christians Ansatz aus der Big History versorgt uns dabei im Nebenklang noch mit der anspornenden Perspektive, wie die Bemühung zum „Besseren“ immer wieder gelang: Zynismus und Apathie setzt er damit ein belastbares Gegengewicht.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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