Ein sensibles Ungleichgewicht

Das "natürliche Gleichgewicht" ist halt doch ein überwiegend konstruiertes Das "natürliche Gleichgewicht" ist halt doch ein überwiegend konstruiertes

Die Geschichte vom natürlichen Gleichgewicht ist eine besonders verbreitete. Wissenschaftlich haltbar ist sie nicht. Sollen wir ihr in unserem Naturbild dennoch einen Platz einräumen?

Oft hört man sagen, in der Natur herrsche „ein Gleichgewicht“. Doch was sollen wir uns darunter vorstellen? Wenn es meint, dass Ökosysteme sich – ohne relevante äussere Störung – selbst erhalten und ihre lebenserhaltenden Funktionen beständig regenerieren, dann ist das meistenteils richtig. Wenn es ausdrücken soll, dass sich in einem solchen Ökosystem eine unveränderliche, abgezählte Auswahl an Spezies von Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen etc. aufhalte und garantiert ihr Auskommen finde, ist das falsch. Wenn es schliesslich bedeuten soll, dass die Natur, auf sich selbst gestellt, in schöner Harmonie einen perfekt ausbalancierten Zustand langfristig bewahre, dann ist das völlig falsch. Letzteres würde ein weitgehend statisches System beschreiben. Stellen wir uns ein solches Gleichgewicht am Bild einer klassischen Balkenwaage vor, dann zeigt die sich regungslos und still. Man könnte sagen: Tot.

Jenseits des Gleichgewichts wird‘s kompliziert

Der um Bequemlichkeit besorgte Gärtner, der ein beständiges, selbstgenügsames Gleichgewicht in seinem Garten anstrebt, wird ihn aus Frustration erst in eine monotone Rasenfläche und bald darauf in einen Steingarten verwandeln – und auch damit keinen langfristigen Erfolg erzielen. Die Natur ist immer dynamisch. Pflanzen wollen sich ausbreiten, Insekten sich neue Nahrungsquellen erschliessen, Vögel wollen die Insekten fressen, Füchse die Vögel, und die Bäume tun sich mit Pilzen zusammen: Ein einziges labyrinthisches Hurra, in dem sich alles beständig bewegt, nur um an derselben Position zu bleiben. Das ist uns allen klar. Und dennoch hält sich die vage Vorstellung, dass die Natur, wenn wir sie nur einmal in Ruhe lassen, in ein optimiertes Kontinuum zurückkehre, das uns daraufhin dauerhaft erhalten bleibe. Daraus entspringt dann rasch das Bild einer „richtigen“ Natur – etwa der Wildnis, die wir damals einmal als so schön und bereichernd erlebt haben – und einer irgendwie veränderten, „falschen“.

Jetzt, da wir einmal genauer darüber nachdenken, erscheint uns diese Idee einer fixierten Natur natürlich absurd. Haben wir uns das wirklich je so gedacht? Wir erkennen ja mit einem beiläufigen Blick in die unstete Naturgeschichte vor der Ankunft des Menschen, dass damit etwas nicht stimmen kann… Aber tatsächlich war diese Vorstellung vom „Gleichgewicht in der Natur“ stets mächtig genug, dass sie nicht zuletzt auch der Umwelt- und Naturschutzbewegung so manches Bein stellte – gelegentlich bis heute. Unter ihrer Ägide läuft man stets Gefahr, für den Schutz des Einen, Wertgeschätzten, gleichzeitig das Andere, in seinem Wert noch nicht erkannte, zu schädigen. Die Ökologie hat sich deshalb von der theoretischen Idee des natürlichen „Gleichgewichts“ auch schon länger verabschiedet, doch die aus diesem Gedanken entstehenden Zielkonflikte sorgen auch weiterhin für fachliche und öffentliche Diskussionen. Denn jenseits der Idee von der „gestörten Harmonie“ werden die Konzepte des Umweltschutzes leider ungleich komplizierter – und oft schwer vermittelbar. Wenn wir für unsere natürliche Mitwelt nicht einfach einen „Sollzustand“ konstatieren und diesen dann möglichst bewahren können; wo sollen wir mit ihrem Schutz überhaupt ansetzen? Sollen wir überhaupt?

Veränderte Spielregeln

Für den dualistischen Geist, der sich nach Eindeutigkeit sehnt, scheint die Schlussfolgerung klar: Da die Natur sich sowieso ständig verändert und keinen Zustand der endgültigen, heilen Perfektion in Aussicht stellt, müssen wir da auch nichts tun. Was soll das auch? Wenn das Nashorn ausstirbt, wird doch irgendwann irgendwas seine ökologische Rolle wieder einnehmen – und Wandel, haben wir gerade gehört, ist das Prinzip der Natur.

Doch das verkennt so einiges, als Erstes den Faktor Zeit. Der Mensch hat sich zum mächtigen Veränderer seiner natürlichen Mitwelt aufgeschwungen, und ein Aspekt dieser Macht heisst Geschwindigkeit. Auch wenn es unzweifelhaft wahr ist, dass einzelne Tiere und Pflanzen schon immer ausstarben, ihr Platz im Lebensnetz aber auch wieder besetzt wurde, benötigt die Natur dafür doch immer Zeit. Wenn jedoch momentan die irdischen Arten hundertmal schneller aussterben als zu Zeiten vor den „gestaltenden“ Eingriffen des Menschen (wie die zurückhaltendsten Schätzungen annehmen), können die irdischen Ökosysteme das nicht in diesem Tempo wiedergutmachen. Wenn wir dann noch ignorieren, dass wir tatsächlich Teil der natürlichen Biodiversität sind und von ihr existenziell abhängen, werden uns die Umbrüche im sensiblen Ungleichgewicht der Natur auch dann erst mal entgehen, wenn sie uns selbst bedrohen. Gleichzeitig haben sich die Dimensionen unserer Eingriffe wesentlich ausgeweitet. Zwar haben schon frühere Zivilisationen halbe Kontinente entwaldet und ganze Ökosysteme umgebaut, was dann auch verschiedentlich unerspriessliche lokale Folgen zeitigte. Indessen greifen wir aber gewichtig in globale Systeme wie die Atmosphäre oder die Weltmeere ein, mit entsprechender globaler Auswirkung.

Das Gleichgewicht im Naturbild

Was bedeutet das jetzt hinsichtlich der Vorstellung vom natürlichen Gleichgewicht?
In ein realistisches Naturbild fügt sie sich zwar nicht passgenau, doch sie ist auch nicht dessen heikelster Bestandteil. Resultiert daraus „nur“ der Respekt vor den resilienten Kräften der Natur, vielleicht sogar eine leise Abkehr von Machbarkeitswahn und Selbstüberhebung, ist daran wenig herumzumäkeln. Erkennt sie dann auch noch den Menschen als Teil dieser Natur und bemüht sich, ihn da rücksichtsvoller einzufügen, umso besser.

Das von uns gesuchte, zukunftsfähige Naturbild wäre sich natürlich bevorzugt der gesamten, nie perfekten, immer beweglichen Komplexität der Natur gewahr. Doch das ist ein hoher Anspruch, der mit der Simplifizierung, die ein kulturelles Naturbild fast zwangsläufig vornimmt, möglicherweise nicht zusammengeht. Behalten wir die Geschichte vom natürlichen bzw. ökologischen Gleichgewicht hingegen bei, gilt es im Auge zu behalten, die Erwartungen und Ansprüche daran nicht zu übertreiben. Entsteht daraus der Ehrgeiz, die Mitwelt nicht nur zu berücksichtigen und zu bewahren, sondern sie entlang eines Bildes von „richtiger“ Natur zu konstruieren und einzufrieren, ist das nicht nur die Rückkehr zu alter Hybris; es wird vor allem scheitern. Auf der anderen Seite birgt der Gedanke des natürlichen Gleichgewichts einen Keim des Fatalismus. „Die Natur“, die alles selbst viel besser regelt, als wir das je könnten, verführt rasch zu einer Abgabe der Verantwortung. Das Vorhaben, mehr ausgewählte Naturreservate und Ökosysteme sich selbst zu überlassen, ist beispielsweise ein wichtiges und erfolgversprechendes; solange wir uns dabei gewahr bleiben, dass auch unsere Aktivitäten ausserhalb davon weiterhin darauf einwirken.

 

Quellen und weitere Informationen:
Global Diversity Outlook 5
Natürliches Gleichgewicht im Garten
Ökologisches Gleichgewicht

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