Was uns das Gas beschert

Zurzeit wird viel Hoffnung in Flüssig-Gas aus den USA gesetzt. Doch das dabei eingesetzte „Fracking“ gilt als stark umweltgefährdend, weshalb es in den meisten westeuropäischen Ländern verboten ist.

 Der in den USA seit Jahren anhaltende Erdgas-Boom wird nun aus traurigem Anlass weiter angekurbelt: Der Ukraine-Krieg erhöht die Nachfrage nach Flüssig-Gas aus Amerika. Europa verspricht sich, so unabhängiger vom russischen Gas zu werden.

Energiewende gefährdet

Die stark gestiegene Nachfrage freut Amerikas Gaskonzerne, aber birgt grosse Gefahren für Umwelt und Gesundheit und könnte die Energiewende behindern: Denn wenn neue Infrastrukturen für den Import des Flüssiggases erst mal gebaut sind, wird man ungern wieder davon wegkommen. Die angestrebten Importmengen an Flüssiggas aus Amerika machen aber neue Infrastrukturanlagen unverzichtbar: In diesem Jahr schon sollen zusätzliche 15 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas an Europas Küsten ankommen. Bis 2030 sollen die Lieferungen dann auf 50 Milliarden Kubikmeter ansteigen. Diese Menge würde ein Drittel des Gases, das zurzeit aus Russland in die EU fliesst, ersetzen.

Giftige Chemikalien werden unter die Erde gepresst

Die Unabhängigkeit von Russland kostet einen Preis: Fracking gilt aus Umweltperspektive als eine der risikoreichsten Techniken zur Energieförderung, weil die Auswirkungen auf die Umwelt sehr schlecht abschätzbar sind. Aus diesem Grund ist die Praxis in den meisten europäischen Staaten verboten.
Wer darüber Bescheid weiss, wie Fracking funktioniert, den erstaunen die Bedenken kaum: Ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand oder Keramikkügelchen und verschiedenen Chemikalien wird in ein bis zu fünf Kilometer tiefes Bohrloch gepresst. Durch den hohen Flüssigkeitsdruck wird das Gestein aufgesprengt. In der Tiefe angekommen, erfüllt ein Teil der Flüssigkeit die Aufgabe, die im Gestein entstandenen Risse offen zu halten. Der Rest der Flüssigkeit, Flowback genannt, fliesst nach Abfallen des Druckes wieder zurück an die Erdoberfläche. Weil die Entsorgung schwierig ist, wird der kontaminierte Flowback oftmals in nicht mehr benutzten Bohrlöchern entsorgt.
Laut dem deutschen Umweltbundesamt müssen 17 der im Gemisch enthaltenen Chemikalien als gewässergefährdend und weitere 38 als „toxisch für die menschliche Gesundheit“ eingestuft werden. Das deutsche Umweltbundesamt gibt folgendes Statement zu den Risiken von Fracking ab:

„Nach aktuellem Erkenntnisstand kann die Möglichkeit großräumiger, dauerhafter und irreversibler nachteiliger Auswirkungen solcher Vorhaben auf die Trinkwasserversorgung und den Naturhaushalt nicht von der Hand gewiesen werden.“

Auch wenn es notorisch schwierig ist, längerfristige Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit nachzuweisen, zeigen genügend Beispiele, dass es sich dabei nicht um eine unbedenkliche Methode handelt. An den Fracking-Standorten werden hohe Mengen an Luftschadstoffen ausgestossen, die Asthma-Symptome, Leukämie, Herzerkrankungen und Geburtsschäden verursachen können. Zudem werden in mehreren US-Bundesstaaten Zusammenhänge zwischen Fracking und verunreinigtem Trinkwasser vermutet, was bei den 38 toxischen im Frackinggemisch enthaltenen Chemikalien alarmierend ist.
Sogar die seismische Aktivität wird durch diese Art der Erdgasförderung beeinflusst: Im US-Bundesstaat Texas etwa, wo Fracking im ganz grossen Stil betrieben wird, gab es im Jahr 2021 eine Rekordzahl an Erdbeben. Besonders betroffen war eine Region mit hohem Gasvorkommen.

Auch Erdgas ist ein Treibhausgas

Nicht zu vergessen ist die schädliche Wirkung des Erdgases auf das Klima. Während der vielen Schritte seiner Förderung in Amerika bis zur Wiederverdampfung des Flüssiggases in Europa werden kritische Mengen Methan freigesetzt. Bereits kleine Mengen dieses Treibhausgases haben eine beachtliche Wirkung auf das Klima. Über einen Zeitraum von 20 Jahren trägt Methan sogar rund 85 mal stärker zur Klimaerwärmung bei als CO2.
Die massive Erhöhung der Erdgas-Importe aus Amerika drohen die in Europa angestrebte Energiewende zu gefährden. Aber auch Amerikas Klimabilanz wird stark darunter leiden. Der US-amerikanische „Natural Resources Defense Council“ ging bereits im Jahr 2020 – also noch vor dem Ukraine-Krieg – davon aus, dass sich die Gasexporte aus Fracking bis 2030 (im Vergleich zu 2019) verdreifachen würden. Bereits dies hätte in den USA jährlich 130 bis 213 Millionen Tonnen neue Treibhausgasemissionen verursacht – so viel wie die jährlichen Emissionen von rund 45 Millionen Autos entsprochen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befürchteten, dass dadurch die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen verlangsamt oder gar gestoppt werden könnte. Mit dem gegenwärtigen Anstieg der Nachfrage nach Erdgas würde es nicht erstaunen, wenn Amerikas CO2-Emissionen in den nächsten Jahren anstatt zu sinken noch zunehmen würden.

Quellen und weitere Informationen:
GEO: Fracking: Das sollten Sie wissen
Umweltbundesamt: Gutachten 2012
DW: USA liefern mehr Flüssiggas in die EU
Natural Resources Defense Council
Texas Tribune

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