Antibiotikaresistent durch Schweizer Milch?

Heute am 1. Juni ist Weltbauerntag und Weltmilchtag. Wir erklären, weshalb besonders die Schweizer Milch in der Kritik steht.

Die Landwirtschaft erfüllt die wichtige Aufgabe der Lebensmittelproduktion und trägt zur Ernährungssicherheit bei. Auch die Landschaftspflege und damit die Förderung der Biodiversität gehört zu ihren Aufgaben.

Die Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten sechzig Jahren führte jedoch zu einem Rückgang der Biodiversität. Regelmässig tritt Gülle in Oberflächengewässer ein und verursacht so eine Nährstoffüberversorgung (Eutrophierung) der Gewässer. Das schädigt die Wasserorganismen im betroffenen Gewässerabschnitt oder tötet sie sogar. Auch die Böden leiden unter der Intensivlandwirtschaft. Der Einsatz von schweren Maschinen verdichtet den Boden und kann zu einer Abnahme der Bodenfruchtbarkeit führen. Aber nicht nur die Maschinen können den Boden verdichten, sondern auch das Vieh.

Gezüchtete Kühe sind anfälliger auf Krankheiten

In den letzten Jahrzehnten wurden die Kühe gezielt darauf gezüchtet, dass sie immer grösser und schwerer wurden, um dadurch mehr Milch oder mehr Fleisch zu liefern. Im Alpenraum, wo die Böden meist nicht sehr tiefgründig sind, verdichten die schweren Kühe daher oftmals den Boden. Zwischen 1954 und 2005 hat sich der Viehtritt auf Sommerweiden verdoppelt. Die Züchtung von schweren, grossen Kühen führte nicht nur zu einer höheren Produktivität, sondern auch dazu, dass die Tiere anfälliger für Krankheiten wurden. Deshalb wird unseren gängigen Kühen oftmals sehr viel Antibiotika verabreicht.

Antibiotika darf nicht in die Milch, resistente Bakterien aber schon

Obschon die Milch, welche die Kühe während der Antibiotika-Behandlung produzieren, in der Schweiz nicht in den Handel gelangt, finden antibiotikaresistente Bakterien ihren Weg in die verkaufte Milch. Durch die Aufnahme dieser Bakterien kann auch das menschliche Immunsystem eine Antibiotikaresistenz aufbauen.
Vor ein paar Jahren wurde in Schweizer Milch gar ein Bakterium entdeckt, das gegen Reserve-Antibiotika resistent ist. Auch mehrere Untersuchungen aus Deutschland berichten, dass Reserve-Antibiotika in den letzten Jahren vermehrt in der Tierhaltung eingesetzt wurden. Wenn Bakterien, die gegen Reserve-Antibiotika resistent sind, in unseren Körper gelangen, kann das im Extremfall für uns tödlich enden: Reserve-Antibiotika kommen in Spitälern als letzte Methode zum Einsatz, wenn gängige Breitband-Antibiotika nicht mehr wirken.

„Da jede Behandlung mit Antibiotika zur Selektion resistenter Bakterien führen kann, müssen alle Substanzen, inklusive der Reserveantibiotika, angemessen und verantwortungsvoll eingesetzt werden.“
 Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelschutz Deutschland

Dänemark führte im Jahr 1995 eine Datenbank ein, um den Antibiotikaeinsatz von Tierhaltern zu dokumentieren. Wer zu viele Antibiotika verabreicht, muss auf eigene Kosten eine Beratung in Anspruch nehmen. Das neue System zeigte Wirkung; denn im Jahr 2018 wurden zehnmal weniger neuartige Cephalosporine, eine Gruppe von Reserve-Antibiotika, in die Euter gespritzt, als vor Einführung der Datenbank.

Schweiz ist Schlusslicht

Seit 2016 dürfen Schweizer Tierärzte Antibiotika nicht mehr auf Vorrat abgeben, seit 2019 müssen sie ihren Antibiotikaeinsatz melden. Diese und weitere Massnahmen reichten jedoch nicht aus, um die falschen Anreize zum Antibiotikaeinsatz auszuhebeln und ihn wirksam zu reduzieren. 2021 scheiterte eine Motion, welche die Fehlanreize zum Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin beseitigen wollte, am Ständemehr.

«Tierärzte haben Margen auf den Medikamenten. Je mehr Antibiotika sie verschreiben, desto mehr verdienen sie.»
Tierarzt Christophe Notz

Der Handlungsbedarf, aber auch der Handlungsspielraum der Schweiz wäre gross: 2015 veröffentlichte die Europäische Arzneimittel-Agentur Daten zum Antibiotika-Einsatz bei Milchkühen. Kein anderes Land schnitt so schlecht ab wie die Schweiz. In der Schweiz wurden im Jahr 2015 rund 1.7 g pro Kuh eingesetzt, während es in Dänemark lediglich 0.1 g waren. Bis 2018 sank der Antibiotika-Verbrauch in der Schweiz nach provisorischen Daten um weniger als 5 mg.

Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft ist dieser hohe Antibiotikaeinsatz auf die strengen Qualitätsstandards der Schweizer Milch zurückzuführen. Die sehr tiefen Grenzwerte sorgen dafür, dass sich nur sehr wenige Körperzellen der Kuh, wie etwa weisse Blutkörperchen, in der Rohmilch befinden –diese deuten oftmals auf entzündete Zitzen hin. Durch diese strengen Vorschriften wird die Schweizer Milch besonders rein gehalten, was dann aber die Gefährdung durch Antibiotika-Resistenzen erhöht.

«Die hohe Milchqualität wird mit einem übermässigen Antibiotika-Einsatz teuer erkauft»
Tierarzt Christophe Notz

Dass es auch anders geht, zeigen nicht nur Dänemark, sondern auch Deutschland und die Niederlande: In unserem Nachbarland werden „nur“ 0.3 g Antibiotika pro Kuh eingesetzt. Landwirtinnen können ihre Antibiotikaeinsätze reduzieren, indem sie auf eine routinemässige Trockenstellung mittels Antibiotika (eine Massnahme zur Vermeidung von Erkrankungen) verzichten. In den Niederlanden ist das Trockenstellen mit Antibiotika ohne Begründung seit 2012 verboten.

Auch der Umstieg auf ältere Rassen (z.B. Rätisches Grauhvieh), die im Gegensatz zum gängigen Braunvieh nicht zur Steigerung der Milchleistung gezüchtet wurden und daher weniger anfällig auf Erkrankungen der Euter sind, wäre eine Möglichkeit. Besonders in Bergregionen ist dies auch aus Sicht der Bodenökologie sinnvoll, da die leichteren Tiere den Boden deutlich weniger belasten.

Als Milchkonsumentin oder -konsument kann die Menge an Antibiotika, die aufgenommen wird, durch den Kauf von Bio-Milch stark verringert werden. Bei Bio Knospe etwa gelten deutliche Einschränkungen beim Einsatz von Antibiotika. ALDI hat Anfang Mai dieses Jahres ein neues Bio-Label auf den Markt gebracht, das eine Produktion ganz ohne Antibiotika gewährleistet.

Quellen und weitere Informationen:
Beobachter: Schweizer Bauern spritzen rekordmässig Antibiotika
Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
Auf antibiotische Trockensteller verzichten

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.