Um ein Haar dem Betonmischer entkommen

Das Steinibachried hätte beinahe Wohnhäusern weichen müssen Das Steinibachried hätte beinahe Wohnhäusern weichen müssen

Naturbelassene Lebensräume haben oft einen schweren Stand – besonders wenn sie sich in einer beliebten Wohnregion befinden

Die Biodiversität in der Schweiz ist bedroht; 48% der in der Schweiz vorkommenden Lebensräume sind derzeit gefährdet. Gründe dafür sind die steigende Nutzungsintensität und damit verbunden die vermehrten Nutzungskonflikte. In den letzten Jahrzehnten musste immer mehr Natur entweder Siedlungen oder Freizeitnutzungen weichen.

Der enorme Lebensraumverlust stört zunehmend auch uns – die Bevölkerung der intensiv genutzten Gegenden. Wir empfinden immer häufiger Sehnsucht nach ruhigen Rückzugsorten in der Natur. Vielleicht war es erst deshalb, dass wir anfingen, dem Verlust der Lebensräume und Artenvielfalt Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders unsere Gewässerlebewesen litten vom 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stark, denn Land an Gewässern, insbesondere an Seen, ist sehr gefragt. Unsere Flüsse wurden in Beton-Korsette gezwängt und natürliche Schilf-Seeufer wichen Betonmauern. Zahlreiche Tiere verloren dadurch ihren Brutplatz und Unterschlupf.

Ein Beispiel für eine Uferregion mit hohem Nutzungsdruck ist das Horwer Seebecken des Vierwaldstättersees. Am oberen Seeufer befindet sich ein 8.4 Hektaren grosses Flachmoor und Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung. 200 Vogel-, 350 Käfer- sowie viele weitere seltene und gefährdete Arten leben hier. Beim sogenannten „Steinibachried“ handelt es sich um das letzte Überbleibsel der einstigen Sumpflandschaft, die sich einst durch das ganze Horwer Tal zog.
Das für die Artenvielfalt äusserst wertvolle Flachmoor befindet sich in bester Lage: Der Seeanstoss am Horwer Seebecken ist nicht nur für die Bevölkerung der Gemeinde Horw (ca. 15‘000 Einwohner) ein wichtiger Naherholungsraum, sondern auch für Teile der Krienser (ca. 29‘000 Einwohner) und der Luzerner Bevölkerung. Gleich angrenzend an das Naturschutzgebiet befindet sich ein Campingplatz. Auch ein Seebad und ein Kieswerk liegen in unmittelbarer Nähe. Ebenfalls nicht weit entfernt, an der Pilatus-Hangseite des Seebeckens, führt die Autobahn A2 entlang.

Hart erkämpftes Schutzgebiet

Bei dieser zentralen Lage ist es nicht verwunderlich, dass die Ausscheidung des Schutzgebietes vor 30 Jahren ein umkämpftes Unterfangen war. Fast wäre das Naturschutzgebiet nicht zustande gekommen. Anstelle eines der wenigen verbleibenden grösseren Flachmoore würde heute eine 200 bis 500 Meter breite Siedlungszone inklusive Strasse das Seeufer säumen. Denn ursprünglich hatte die Horwer Stimmbevölkerung im Jahre 1969 einer Verbauung des gesamten Seeufers zugestimmt. Doch glücklicherweise regte sich Widerstand: 1973 wurde der Verein Pro Halbinsel gegründet, der sich mit jahrelangen Einsprachebemühungen gegen die Verbauuung der wertvollen Uferlandschaft einsetzte. Zusammen mit weiteren Naturschutzvereinen erreichte er schliesslich die kantonale Unterschutzstellung des Riedgebiets im Jahr 1992. 1996 wurde dann ein Schutzkonzept für die Rückführung des Rieds in einen möglichst naturnahen Zustand ausgearbeitet. Inzwischen wurde ausserdem ein Steg gebaut, der verhindert, dass Riedbesucherinnen und -besucher in den wertvollen Lebensraum eindringen.

Im Jahr 2014 konnte dann unweit davon, am westlichen Seeufer Richtung Pilatus, ein zusätzliches Schutzgebiet ausgeschieden werden. Dort wurde 1955 eine Strasse gebaut, die als erste Autobahn der Schweiz galt. Im Zuge dessen wurden die Bäche begradigt, und die stark befahrene Strasse stellte für die am Seeufer wohnhaften Amphibien eine tödliche Falle inmitten ihres Lebensraums dar. Mit der Überdachung des Strassenabschnitts im Jahr 2004 verbesserte sich die Situation markant. Heute ist der See mittels einer Grünbrücke wieder mit den Lebensräumen am Pilatushang verbunden. 2011 wurde ausserdem entlang des Uferstreifens das Naturschutzgebiet Widenbachdelta ausgeschieden. In diesem neuen Naturschutzgebiet hat nun beispielsweise die Erdkröte wieder ein Zuhause gefunden, nachdem ihr Bestand im Zuge des Autobahnbaus völlig zusammengebrochen war. Die östliche Seeuferseite hingegen, die sehr starker Freizeitnutzung unterliegt, war bis vor kurzem noch gänzlich zubetoniert. 2014 formulierte die Gemeinde Horw in einem Planungsbericht das Ziel, auch die östliche Seeseite naturnah zu gestalten und für die ansässigen Kleintiere eine Längsverbindung entlang des Ufers zu schaffen. Entsprechende Massnahmen wurden nun in Angriff genommen: An verschiedenen Stellen am östlichen Seeufer, direkt bei den Badeplätzen, wurden vorgelagerte Kiesbänke geschaffen.

Horwerbucht

                                                                                                                                                                         map.geo.admin

Schilfgürtel für die Artenvielfalt

Das waren indessen noch nicht alle Bemühungen: Schon vorgängig, in einer Konzeptstudie von 2007, nahm sich die Gemeinde vor, die Riedflächen im Naturschutzgebiet „Steinibachried“ aufzuwerten und zu erweitern. Das dort gelegene Kieswerk soll dabei langfristig der Freizeit- oder Wohnnutzung weichen. Auch hier soll das Ufer für Kleintiere durchgängig gemacht werden. Die Aufhebung des Campingplatzes zugunsten einer für die Gesamtbevölkerung attraktiven, nachhaltigen Nutzung wurde bereits beschlossen. Für die Umgestaltung des sogenannten „Seefelds“ schrieb die Gemeinde einen Wettbewerb aus: Das Siegerprojekt sieht einen fast durchgehenden Schilfgürtel vom Kieswerk bis zum Ried vor. Damit könnten östliches und westliches Seeufer vernetzt werden. Ausserdem sollen durch den Rückbau künstlicher Aufschüttungen das natürliche Relief wiederhergestellt und ein einmündender, betonierter Bach renaturiert werden.

Das Horwer Seebecken dient als Beispiel dafür, dass durch ausdauerndes Engagement auch stark genutzte Lebensräume erhalten und menschengemachte Veränderungen der natürlichen Landschaft wieder „rückgängig“ gemacht werden können. Es liegt in unserer Entscheidung, ob wir Seen wollen, die einem betonierten Steingartenteich ähneln, oder doch lieber ein Wasserbiotop mit einer reichen Artenvielfalt, welches uns die lebendige Natur erleben lässt.

 

Quellen und weitere Informationen:
BAFU: Zustand der Lebensräume in der Schweiz
horwimwandel.ch
Pro Halbinsel Horw 1973-2003
Gemeinde Horw: Naturschutzgebiet Widenbachdelta
Siegerprojekt Seefeld

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