Felche — Der Brotfisch braucht Hilfe

Nur durch künstliche Aufzucht lassen sich die Schweizer Felchenbestände erhalten Nur durch künstliche Aufzucht lassen sich die Schweizer Felchenbestände erhalten

Die Felche ist eine optimal angepasste Schweizer Fischgattung. Ausgerechnet sie ist nun gefährdet. Deshalb hat sie der Schweizerische Fischerei-Verband zum «Fisch des Jahres 2022» gewählt.

Felchen (Gattung Coregonus) sind innerhalb der Ordnung der Lachsartigen die artenreichste Gattung. In der Schweiz sind sie geschätzte Speisefische. Dabei ist die Felche nicht gleich Felche — ganze 35 einheimische Arten lebten früher einmal hierzulande. Heute sind davon nur noch 24 übrig. Je nach See haben die einzelnen Felchenarten ganz unterschiedliche Namen, beispielsweise Gangfisch, Albeli, Blalig, Ablock, Edelfisch, Brienzlig und Schwebbalchen. Äusserlich sind sie nur schwer zu unterscheiden; zur Artbestimmung dienen hauptsächlich die Zahnreihen — die Kiemenreusendornen — deren Anzahl, Form und Anordnung von Art zu Art variieren.


Einzigartig schweizerisch

Entwickelt hat sich der Artenreichtum vor ca. 15'000 Jahren. Die Gletscher haben sich nach der letzten Eiszeit zurückgezogen und die heutige Seenlandschaft hinterlassen. Jeder See ist ein einzigartiges Ökosystem. In flachen und warmen Mittellandseen wie beispielsweise dem Hallwiler-, Pfäffiker- oder Murtensee herrschen ganz andere Bedingungen und teilweise auch Nahrungsangebote als in tiefen, kalten Alpenseen wie dem Walen-, Brienzer- oder Vierwaldstädtersee. So haben sich in unseren Schweizer Seen rund 24 endemische — nur in abgegrenzten Lebensräumen vorkommende — Felchenarten ausgebildet.

 

Gut angepasst…

Die einzelnen Arten sind entsprechend gut an ihren individuellen Lebensraum angepasst. Bei Fischen, die bodennahes Futter wie Insektenlarven oder Würmer suchen, ist das Maul eher unterständig. Da beim Einsaugen auch Sedimente aufgenommen werden, müssen diese durch die Kiemen ausgefiltert werden. Die Anzahl der Kiemenreusendornen sind bei diesen Felchenarten eher kurz und in geringerer Anzahl vorhanden. So z. B. beim Balchen aus dem Vierwaldstättersee, der häufig Nahrung in Ufernähe sucht. Er besitzt zwischen 22 und 32 Zahnreihen. Im Gegensatz dazu weisen z. B. Albeli 33 bis 42 lange Kiemenreusendornen und ein endständiges Maul auf. Sie fressen vornehmlich tierisches Plankton im Freiwasser und benötigen einen feineren Filter.


… aber gefährdet

Viele Felchenarten gehören heute zu den gefährdeten Arten. Hauptursache ist die Überfischung der Bestände im 19. und 20. Jahrhundert. In einigen flacheren Mittellandseen wie dem Hallwilersee lassen sich die Felchenbestände heute nur dank künstlicher Aufzucht erhalten, weil die natürliche Fortpflanzung aufgrund des Sauerstoffmangels zum Erliegen kam. Der Sauerstoffmangel wird durch die Überdüngung der Gewässer ausgelöst, denn der hohe Phosphatgehalt bewirkt ein erhöhtes Pflanzenwachstum. Die daraus resultierenden Abbauprozesse bewirken wiederum einen Sauerstoffmangel in tieferen Wasserschichten.

Ein weiterer Faktor ist die Erderwärmung. Seit den 1960er-Jahren haben sich die durchschnittlichen Wassertemperaturen in Schweizer Seen um 3°C erhöht. Das verändert chemische und biologische Prozesse und behindert oftmals die Wasserzirkulation, was zu Sauerstoffmangel in der Tiefe führt. Arten wie die Felchen, die an kaltes Wasser angepasst sind, werden durch die Erwärmung aus ihren bisherigen Lebensräumen verdrängt.

Mit einer anderen Art der Bedrohung sehen sich die Felchen in einigen der grossen Seen wie dem Boden-, Genfer- und Neuenburgersee konfrontiert. Nicht einheimische aquatische Neozoen stellen eingespielte Ökosysteme auf den Kopf. Fremde Fischarten wie der Stichling oder die aus dem Schwarzmeer eingeschleppte Quaggamuschel treten als Nahrungskonkurrent um das knappe Futter oder als Räuber auf. Die Auswirkungen sind gravierend, wie die Felchen-Fangstatistik am Bodensee-Obersee zeigt.


Schweizer Seen sind unnatürlich

Viele Schweizer Seen wirken auf den ersten Blick malerisch, doch sie sind weit von ihrem ursprünglichen Zustand entfernt. Ihre Ufer wurden verbaut, die ökologische Vernetzung mit Zuflüssen ist durch Wehre und Schwellen unterbrochen, und die rigide Regulation des Wasserpegels zum Schutz der Bauten am Ufer hat Schilfgürtel und Auwälder verschwinden lassen. So sind viele Lebensräume verloren gegangen, die Fische für die Fortpflanzung, als Kinderstube oder zur Nahrungssuche brauchen.

In den meisten Schweizer Seen wird der Felchenbestand seit bald 150 Jahren unterstützt durch Besatz mit künstlich erbrüteten Jungfischen — teils aus weit entfernten Lebensräumen. Damit versuchte man Verluste durch unvorteilhafte Umweltbedingungen auszugleichen und die Erträge zu steigern. Damals gab es noch kein Bewusstsein für die Bedeutung lokal angepasster Populationen. Durch den gedankenlosen Besatz mit Brütlingen aus anderen Gewässern gefährdete man die natürliche Biodiversität und schädigte sie in einigen Fällen irreversibel.

 

Quellen und weitere Informationen:
SFV: Fisch des Jahres 2022

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