Eine Allmende bezeichnet in ihrem ursprünglichen Sinn einen Gemeinschaftsbesitz, der für die Landwirtschaft genutzt werden kann – also Weideland, das jedem Hirt für seine Schafe zusteht. Der Begriff der Allmende wurde 1968 vom Mikrobiologen Garrett Hardin neu gedeutet. Hardin lebte von 1915 bis 2003 und doktorierte in Mikrobiologie. Hardin’s Theorie ist sehr breit aufgestellt, seine Forschungsschwerpunkte waren Umweltschutz, Überbevölkerung, Abtreibung, Kreationismus und Soziobiologie. In seinem einflussreichen Essay von 1986 „The Tragedy of the Commons“ („Die Tragik der Allmende“) für die Zeitschrift Science machte er aus dem einfachen Weideland ein gesellschaftliches Dilemma.
Die Tragik der Allmende ist aktueller als jemals zuvor
Hardin’s Dilemma ist die Übernutzung der Allmende. Eine Allmende zeichnet sich durch zwei Charakteristiken aus. Zum einen kann niemand ausgeschlossen werden. Zum anderen besteht dadurch für die Nutzung eine gewisse Rivalität. Die Nicht-Ausschliessbarkeit von einem Gemeinschaftsbesitz ist offensichtlich: Die Schafe eines Hirten können vom Weiden nicht ausgeschlossen werden, da die Weide im Besitz aller ist. Die Rivalität zeigt sich aufgrund der beschränkten Grösse der Allmende. Eine Allmende ist nicht unendlich gross und bietet daher nur für eine bestimmte Anzahl Schafe Nahrung. Durch diese Beschränktheit ergibt sich de facto eine Rivalität zwischen den Hirten. Diese Rivalität nimmt proportional mit der Anzahl der Hirten zu, die ihre Schafe weiden lassen. Hardin’s Dilemma setzt hier an und geht davon aus, dass zu viele Schafe weiden. Durch diese Übernutzung kann sich die Allmende nicht genügend schnell regenerieren und wird von Tag zu Tag karger, bis sie nicht mehr eine Weide ist, sondern zu einer öden Landschaft verkommt.
Sofern sich die Hirten dieses Dilemmas bewusst sind, sollten sie rechtzeitig handeln. Hardin‘s Ausweg aus diesem Dilemma ist ein Gesellschaftsvertrag. Dieser basiert auf einer von der Vernunft bestimmten Übereinkunft, in der der Wille des Einzelnen der Allgemeinheit untergeordnet wird. Konkret könnte der Gesellschaftsvertrag zwischen den Hirten beispielsweise ein Weide-Kontingent enthalten: Jedem Hirten steht eine bestimmte Fläche für eine bestimmte Zeit der Weide zu, so dass die Allmende optimal ausgelastet ist und sich innert Frist regenerieren kann.
Wieso ist Hardin’s Essay für unsere Gegenwart relevant?
Überträgt man die „Tragik der Allmende“ auf das CO2-Dilemma, so findet man einige Analogien. Die Hirten sind wir, die Schafe sind unser CO2-Ausstoss und die Allmende ist unser Ökosystem. Die Nicht-Ausschliessbarkeit zeigt sich dadurch, dass solange eine Person Zugang zu fossilen Energieträgern hat, sie zwangsläufig nicht vom CO2-Ausstossen ausgeschlossen werden kann. Die Rivalität ergibt sich, weil wir in unser Ökosystem – vorausgesetzt, wir möchten die Erderwärmung auf 2°C beschränken – nur eine bestimmte Menge an CO2 ausstossen können. Grundsätzlich lässt sich unendlich viel CO2 ausstossen, aber dann riskieren wir eine Übernutzung. Aus dieser Analogie geht hervor, dass ein Gesellschaftsvertrag für unser CO2-Dilemma unabdingbar ist. Dieser Gesellschaftsvertrag ist namentlich das Pariser-Klimaabkommen. Dieses möchte die Erderwärmung auf höchstens 2°C limitieren und gibt somit indirekt eine Menge an CO2 vor, die noch ausgestossen werden darf.
Es liegt an uns, den Gesellschaftsvertrag mit griffigen Massnahmen wie einer CO2-Steuer umzusetzen und so, wie die Hirten in Hardin’s Essay, eine Übernutzung der Weide zu verhindern bzw. die Erderwärmung auf ein erträgliches Ausmass zu beschränken.
Quellen und weitere Informationen:
Aldy, Joseph E. und Robert N. Stavins (2012): The Promise and Problems of Pricing Carbon. Theory and Experience. Journal of Environment and Development 21(2): 152-80.
Günther, Isabel; Kenneth Harttgen und Katharina Michaelowa (2020): Einführung in die Entwicklungsökonomik. Stuttgart: utb.
Hardin, Garrett (1968): The Tragedy of the Commons. American Association for the Advancement of Science 162(3859): 1243-48.
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